Abschied von Pastor Jochen Günther: Linden und sein streitbarer Pastor

Im Mai 2025 verabschiedete sich die Bethlehem-Gemeinde in Linden-Nord mit einer bewegenden Trauerfeier von Pastor Jochen Günther. Dreißig Jahre lang, bis 2001, prägte er als unkonventioneller Pastor und sozial engagierte Persönlichkeit nicht nur die Gemeinde, sondern den gesamten Stadtteil wie kaum ein anderer.

Als Jochen Günther 1971 seinen Dienst in Linden-Nord antrat, war der Stadtteil ein reiner Arbeiterbezirk. Unter seiner Leitung wurde die Bethlehem-Gemeinde zu einem lebendigen Treffpunkt für die Menschen vor Ort. Mit kreativen Ideen wie einer Kegelbahn, einer Kletterwand im Kirchturm, Abseilaktionen oder einer Bar im Gemeindekeller schuf er neue soziale Räume. Er baute den Bethlehem-Keller-Treff (BKT) auf, gründete den Kindertreff „Domino“, förderte eine eigene Fußballmannschaft (BKL), Kreativgruppen, Tischtennistreffen und eine Videogruppe, die im Keller ihre Filme schnitt. Das jährliche Kinderfest wuchs so stark, dass umliegende Straßen gesperrt werden mussten, und die Helferpartys füllten den Pfarrgarten. Jochen Günther prägte das Bild Lindens nachhaltig.

Sein Engagement brachte ihn jedoch auch in Konflikt mit der Amtskirche, die seine unkonventionellen Ansätze kritisch beäugte. Er führte 1.-Mai-Gottesdienste mit Gewerkschaftlern ein, war SPD-Mitglied und setzte sich für Mieterrechte ein. 1988 arbeitete er ein Jahr im Schichtbetrieb eines Metallbetriebs, um das Leben der Arbeiter besser zu verstehen, und veröffentlichte dazu das Buch „Gottes Sache im Betrieb“. Günther stand für eine offene, integrative Kirche, die den Menschen Raum für Engagement bot und Milieugrenzen überwand. Auch nach seinem Ruhestand blieb er in Linden, später in Harenberg und Kleefeld, mit der Gemeinde verbunden, etwa durch das Altencafe. Seine Arbeit wurde mit der Hans-Böckler-Medaille gewürdigt.

Jochen Günther war kein Heiliger, er war ein streitbarer, lebensfroher Mensch, dessen Lachen und Offenheit viele inspirierte. Sein Glaube, geprägt von Zweifeln und Hoffnung, spiegelte seine Überzeugung wider, dass das Leben eine Gabe Gottes ist, die fröhlich und gemeinschaftlich gelebt werden darf.